„Ich bin völlig beglückt, dass ich das machen kann“: Dagmar, Coach für Abteilungsleitungen 😇

Unsere Rotkreuzschwester Dagmar hat viele Jahre in der Kardiologie gearbeitet und das erste Dialysegerät der damaligen DDR mit aufgebaut! Mittlerweile ist sie 68 Jahre alt, seit über 50 Jahren Krankenschwester und wurde auf Grund ihres Erfahrungsschatzes als Beraterin aus der Rente geholt. Nun coacht sie zehn Stunden in der Woche unsere pflegerischen Abteilungsleiter*innen. Vom generationsübergreifenden Lernen profitieren dabei beiden Seiten sehr.

Wie kam es, dass Du nach dem Renteneintritt wieder zurückgekommen bist?

Eigentlich hatte ich 2019 einen superschönen Abschied und habe mich besonders darauf gefreut, meine Tage gemütlich mit einem Kaffee in der Hand zu starten. Ohne lästigen Wecker, der die Jahre zuvor immer um 5 Uhr geklingelt hatte! Irgendwann kam aber ein Anruf von unserer Pflegedienstleiterin Martina Parow mit der Frage, ob ich in die DRK Kliniken Berlin Westend zurückkommen wolle.

Mein erster Impuls war ganz klar „nein“ – ich bin doch jetzt im Ruhestand! Sie war aber recht hartnäckig und erklärte mir, sie suche eine erfahrene Abteilungsleitung, die sich die Strukturen ansieht, neue Abteilungsleiter*innen coacht und unterstützt. Ehrlicher Weise kam die zweite Anfrage einfach zum passenden Zeitpunkt. Nach einem einschneidenden persönlichen Erlebnis wollte ich mich neu sortieren und meinen Alltag stärker strukturieren. Wir haben uns dann auf einen Vierteljahresvertrag geeinigt, den wir inzwischen schon mehrfach verlängert haben 😉

Welche Abteilung unterstützt Du zum Beispiel?

Ich habe im Oktober letzten Jahres als erstes damit begonnen, Dorothea zu unterstützen. Sie hatte im April 2019 vor der Pandemie die Leitung der Gastroenterologie übernommen. Durch die lange Extremsituation (es gab ja keinen normalen Alltag mehr auf den Stationen), hat sie ihre Leitungsaufgaben aber kaum wahrnehmen können, sie hat natürlich immer da ausgeholfen, wo es nötig war, und das war oft an den Patient*innen und nicht im administrativen Bereich.

Ich habe sie dann unter anderem darin unterstützt, neue Strukturen aufzubauen und zu etablieren, Prioritäten zu erkennen und festzulegen. Ich habe sie vor allem auch mental gestärkt, habe sie bei Gesprächen mit Mitarbeitenden und der Krankenhausleitung gecoacht und ihr geholfen, sich zu positionieren. Ich gebe viel Feedback. Aber Dorothea braucht meine Hilfe schon lange nicht mehr, sie macht einen unheimlich guten Job!

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Dein wichtigster Tipp…

Offen bleiben und immer motivieren! Zu motivieren ist fast am wichtigsten. Ich sage gern: Wir sind die „Eintänzerinnen“. Das waren früher die Künstler*innen, die gute Stimmung gemacht haben, bevor die eigentliche Show begann! Wenn Du morgens als Leitung auf die Station kommst und auch bei z.B. schlechter Besetzung positiv denkst und motivierst, kannst du die Laune Deines Teams in jede Richtung lenken.

Als Abteilungsleitung kann man es leider nicht immer allen recht machen und muss auch Entscheidungen für die gesamte Station treffen, die vielleicht ein*e einzelne*r Mitarbeitende*r nicht zu 100 Prozent nachvollziehen kann. Es ist daher wichtig, im Gespräch zu bleiben. Das müssen viele erst wieder lernen: nicht nur zu funktionieren, sondern auch zu kommunizieren. Corona hat da viel kaputt gemacht…

Nach der Gastroenterologie bin ich dann zu anderen Stationen weitergezogen, wo es andere Herausforderungen gab. Wenn sich zum Beispiel wegen Krankheit vorübergehend zwei Stellvertretende Leiterinnen die Aufgaben der Abteilungsleitung teilen, ist das nicht einfach.

Es muss aber niemand sein Team genauso führen, wie ich es gemacht habe. Ich rate den meisten, flexibel zu sein und positiv zu denken. Das ist oft eine Herausforderung. Ich selbst war sehr streng, aber auch sehr gerecht, und das haben die meisten zu schätzen gewusst.

Wie profitierst Du von Deiner aktuellen Position?

Ich bin einfach beglückt, dass ich diesen wunderbaren Job machen kann! Er ist mir so wichtig: Hier darf und möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und erfahre so viel Dankbarkeit dafür. Es würde mich freuen, wenn Projekte dieser Art langfristig etabliert werden würden. Die Pflegedienstleitung hat mir in jeden Fall schon signalisiert, dass mein Vertrag im Dezember noch nicht enden kann. 😉

Wie bist Du damals eigentlich in die Pflege gekommen?

So lange ich mich erinnern kann, wollte ich Krankenschwester werden. Schon mit drei Jahren bin ich mit meinem kleinen Arztkoffer für Puppen herumgezogen. Meine Eltern wollten, dass ich Ärztin werde. Dann war ich als Jugendliche selber im Krankenhaus und hatte den Eindruck, die Ärzte kommen nur zur Visite. Viel mehr Kontakt hatte ich mit dem Pflegepersonal, das fand ich super und so stand mein Entschluss fest: Ich werde Krankenschwester!

Nach dem Abi wollte mich mein Vater wieder zum Medizinstudium überreden, aber ich bin standhaft geblieben und habe dann 1972 an der Charité gelernt. Ich habe dort sogar das erste Dialysegerät der damaligen DDR mit aufgebaut. Als ich 21 Jahre alt war, fiel eine Abteilungsleiterin aus und der damalige Professor beschloss, dass ich den Job übernehmen solle. So habe ich mit 22 Jahren schon eine Station geleitet – das war wirklich hart! So bin ich da reingerutscht und habe dort auf unterschiedlichen Stationen bis zur Wende gearbeitet.

Wie bist du zu den DRK Kliniken Berlin gekommen?

Nach der Wende habe ich einen kurzen Abstecher in die Modebranche gemacht. Das war mir persönlich aber zu oberflächlich. Nur schön sein, das war nicht meins, und mir hat mein Beruf gefehlt! Über eine Empfehlung kam ich dann in die DRK Schwesternschaft Berlin e.V.. Am Standort Mariendorf habe ich als Stellvertretende Stationsleitung auf der Station 1a (für Innere Medizin) begonnen.

Die damalige Personalleitung wollte mich gleich als Leitung einsetzen, aber das habe ich mir nicht zugetraut. Seitdem bin ich jedenfalls mit Leib und Seele Mitglied in der DRK Schwesternschaft Berlin e.V. Diese Gemeinschaft hat mich immer wie ein Familienmitglied behandelt. Ich würde mir wünschen, dass auch die jungen Leute die Unterstützung erkennen, die sie durch die Schwesternschaft haben können.

Als 1991 der Standort Westend eröffnet werden sollte, habe ich mich intern beworben und wurde gleich genommen. Ich war erst Stellvertretende Stationsleitung auf einer der drei kardiologischen Stationen, sechs Monate später Leitung und im Jahr 2000 habe ich den kompletten Fachbereich mit allen Stationen übernommen und bis zu meiner Rente geleitet. Ich war immer „Herzschwester“ durch und durch – Leben zu retten ist für mich einfach etwas Schönes! Als ich meine Rente beantragt habe, meinte der Sachbearbeiter, er habe selten Menschen kennengelernt, die auf 47 Berufsjahre zurückblicken können…

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Was hat sich in den 47 Jahren in der Pflege verändert?

Oh, wirklich unheimlich viel und definitiv auch in beide Richtungen. Sehr zum Positiven hat sich die Ausbildung entwickelt. Die ist einfach unglaublich gut und auch viel komplexer als zu meiner Zeit. Natürlich spielt da auch die Weiterentwicklung der Technik, der Materialien und Wissenschaft eine große Rolle. Das ist schon toll, was den Auszubildenden alles vermittelt wird!

Und dann gibt es so unendlich viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden und zu entwickeln. Das gab es in der Form früher noch nicht. Die Schwesternschaft bietet da auch viel Unterstützung an.

Die Einstellung der Pflegekräfte hat sich sehr verändert. Sie können sich praktisch aussuchen, wo sie arbeiten möchten, und achten auf eine gute Work-Life Balance. Bei einem Mitarbeitergespräch vor vielen Jahren, als eine Bewerberin das Wort erwähnt hat, musste ich hinterher erstmal recherchieren was damit gemeint ist 😉
Auf die neuen Ansprüche mussten wir uns einstellen, wenn wir gute Leute haben wollten.

Was ich manchmal schade finde, ist die extrem materialistische Einstellung von einigen Pflegekräften. Geld spielt eine riesige Rolle und scheint nie genug zu sein, obwohl sie mittlerweile gutes Geld verdienen. Jede kleine Extraleistung soll vergütet werden. Das finde ich traurig, da viele Krankenhäuser finanziell wirklich kämpfen und wir unser Möglichstes für unsere Mitarbeitenden tun.

Manche sind in einer Negativspirale gefangen und jammern und schimpfen nur. Dabei gibt es so viel Gutes in der Pflege – ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass man sich darauf besinnt, und Dinge auch wieder mehr wertschätzt. Am Ende stehen hinter allen Aktionen und Taten Menschen wie Du und ich!

Wie hast Du den Generationswechsel in der Pflege erlebt?

Es ist und wird auch zukünftig eine große Herausforderung sein, verschiedene Generationen gemeinsam zu führen. Es gibt sowohl 20-jährige als auch 60-jährige Mitarbeitende auf den Stationen mit unterschiedlichsten Ansichten. Einen Mittelweg zu finden, ist nicht immer leicht, obwohl es ein großer Segen ist, wenn Jung und Alt voneinander lernen können. Das zu ermöglichen, ist auch die Kunst einer guten Leitung.

Die Älteren haben oft eine sehr hohe Erwartungshaltung an die Jüngeren und finden, dass man auch mal Opfer bringen muss. Die Jüngeren wollen das aber gar nicht erfüllen. Ich habe damals meinen Sohn mit zur Nachtschicht ins Krankenhaus genommen und er hat mit Nuckel im Mund im Spülraum geschlafen – sowas muss einfach nicht mehr sein! Es war nicht immer alles gut früher.

Stichwort Work-Life-Balance: Man muss sich nicht aufopfern und seine Familie vernachlässigen, um einen hervorragenden Job zu machen. Trotzdem muss es auch Menschen geben, die Lust haben, im Nacht- und Spätdienst zu arbeiten, und denen bewusst ist, dass man in der Pflege auch an den Wochenenden und an Feiertagen beschäftigt ist. Das weiß man in der Regel, wenn man sich für unseren Beruf entscheidet.

Die jüngeren Kolleg*innen profitieren dagegen von der Lebenserfahrung und der Fachkompetenz der Älteren. Davor kann man wirklich seinen Hut ziehen. Selbst unsere jungen Ärzt*innen sagen oft: Wenn man mit einer älteren, erfahrenen Schwester einen gemeinsamen Dienst hat, läuft der Laden. Man muss sich eben gegenseitig respektieren und akzeptieren, dann geht es allen gut.

Aline Creifelds, am 18. Juli 2023
Rotkreuzschwestern, Westend
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