Mediziner am Saxophon: Wie die Band „Echte Ärzte“ das Corona Jahr überstanden hat

Zwei unserer Chefärzte aus dem Standort Westend – Dr. Bernd Frericks aus der Radiologie und Dr. Arpad von Moers aus der Pädiatrie – spielen Saxophon in der Berliner Band „Echte Ärzte“. Die gibt es seit 1999 und es dürfen nur Mediziner mitmachen. Wie Stationsalltag und Rock’n’Roll zusammenpassen und wie Corona die Bandproben verändert hat, verraten die beiden Kollegen im Interview.

Wie war das Corona Jahr für Ihre Band „Echte Ärzte“?

Arpad: Eigentlich ist immer dienstags Probe. Anfangs haben wir in der Aula des Bildungszentrums auf dem Gelände der DRK Kliniken Berlin Westend wenigstens zu viert und mit sechs Metern Abstand noch Bläserproben gehabt. Dann ging eine Weile auch das nicht mehr.

Bernd: Im Sommer haben wir uns zwei, drei Mal bei offener Tür in unserem Probenraum in der Charité getroffen. Der Gitarrist hatte ein Co2-Messgerät dabei, damit wir zu stickige Luft rechtzeitig bemerken würden, was aber nie auftrat.

Arpad: Unser traditionelles Weihnachtskonzert musste leider ausfallen. Stattdessen haben wir für ein Weihnachtsvideo unsere Musik zum ersten Mal aufgenommen. Und zwar jedes Instrument in einer eigenen Tonspur, weil wir nicht zusammenkommen durften. Man hat Gitarre, Bass und Keyboard über Kopfhörer gehört und dann seine eigene Stimme eingespielt. Das war mal was anderes!

Wie sind Sie beide überhaupt zum Saxophon gekommen?

Bernd: Wir waren vier Geschwister zu Hause und meine Mutter hat uns, als ich so 10, 11 Jahre alt war, gefragt, welches Instrument wir lernen wollen. Ich hatte Popmusik im Ohr, in der häufig ein Saxophon vorkam. So habe ich mich dafür entschieden. Außerdem spiele ich Kontrabass. Ich finde Saxophon auch nicht allzu schwer, jedenfalls nicht, wenn man nicht perfekt sein will. Das Griffbild ist wie bei der Blockflöte. Man muss nur regelmäßig üben, damit der Ansatz, der Ton und die Geläufigkeit erhalten bleiben. Da der Probendienstag im Moment ausfällt, mache ich es jetzt am Wochenende.

Arpad: Man muss dazu sagen, dass Bernd richtig gut am Saxophon war, bevor er in der Medizin durchgestartet ist. Ich selber komme eher aus der klassischen musikalischen Ecke, habe mit Blockflöte und Klavier angefangen. Dann habe ich mir Saxophon selber beigebracht. In der Hausbesetzerzeit durfte man schon auf die Bühne, wenn man fünf Töne konnte!

Bernd: Ich wäre im Musikstudium sicher an der Musiktheorie gescheitert. Da hat Arpad viel mehr drauf als ich. Wir sind durch das gemeinsame Engagement in der Band und den langjährigen gemeinsamen Arbeitgeber, die DRK Kliniken Berlin Westend, Freunde geworden. Es ist als Chefarzt nicht immer leicht, Freundschaften zu schließen. Es bleibt wenig Raum für Privates und die Chefärzte unterschiedlicher Fachrichtungen haben oft auch sehr unterschiedliche Interessen. Aber bei uns passt es.

Warum haben Sie sich für Ihr jeweiliges Fachgebiet entschieden?

Bernd: Im letzten Jahr vor dem Abitur war ich mir beruflich noch nicht so sicher. Ich wollte Medizin oder Maschinenbau studieren, da ich Einblick in beide Fächer hatte. Als ich mich dann auf die Medizin festgelegt hatte, wollte ich Pädiater werden wie Arpad. Im Studium habe ich erkannt, dass mir das nicht liegt. Für meine Doktorarbeit habe ich ein spannendes chirurgisches Thema gewählt. Aber dann bin ich einem wunderbaren Radiologen, einem Oberarzt in Hannover, begegnet. Es sind häufig die persönlichen Vorbilder, die eine medizinische Karriere prägen.

Aus familiären Gründen habe ich mich gegen eine Karriere in der Uniklinik entschieden, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte. Meine Kinder sind beide in den DRK Kliniken Berlin Westend geboren und so habe ich eine enge Bindung zum Haus. Wir behandeln ein breites Spektrum an Erkrankungen, es ist mir auch nach 10 Jahren nicht langweilig geworden. Ich mag an meinem Fach, dass ich Einblicke in verschiedene Fachbereiche bekomme und Patienten im Kindesalter, aber auch 103jährige sehe, weil wir bei allen in die Diagnostik eingebunden sind. Am liebsten mag ich MRTs und bestimmte Interventionen. Und die außergewöhnlichen Fälle, die ich zum Beispiel durch Arpad zu sehen bekommen, der wirklich sehr spezielle Medizin macht.

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Wie war Ihr Werdegang, Dr. von Moers?

Arpad: Ich habe schon in der Schule meine Leistungskurse darauf ausgerichtet, Arzt zu werden, obwohl es in meiner Familie keine Ärzte gibt. Im größtenteils ziemlich unpersönlichen Studium mit 500 Studenten im Hörsaal waren zwei der Kurse für mich eindrucksvoll und prägend. Die zugehörigen Praktika habe ich hier in den DRK Kliniken Berlin absolviert und ebenfalls meine Vorbilder gefunden, einen Kinderneurologen und einen Epileptologen. Diese beiden Bereiche habe ich für mich kombiniert.

Es hätte im Laufe der Zeit Gelegenheiten gegeben, meine Karriere akademisch auszurichten, aber ich habe gemeinsam mit meiner Frau entschieden, diesen kompetitiveren Weg nicht zu gehen, und bin immer noch sehr zufrieden als klinisch tätiger Arzt und inzwischen Ärztlicher Leiter, auch wenn man vielleicht nicht ganz vorne an der Speerspitze mitläuft. Die DRK Kliniken Berlin behandeln klinisch sehr hochwertig. In der Kinderneurologie sehe ich Patienten mit seltenen, unklaren Krankheitsbildern, das ist hochinteressant.

Unter einem Chefarzt stellt man sich eine ernsthafte Person vor, aber mit Ihrer Band „Echte Ärzte“ machen Sie auf der Bühne Rock’n’Roll. Sind Ärzte doch normale Menschen ;-)?

Arpad: Es gibt genauso junge Ärzte, die als „Halbgott in Weiß“ betrachtet werden wollen, wie ältere Ärzte, die umgänglich sind und das altmodische Bild nur von außen angetragen bekommen. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Natürlich halten sich die Vorurteile hartnäckig. Es kommt schon vor, dass Eltern meiner Patienten die Krankenschwestern unhöflich behandeln, während sie mir gegenüber unterwürfig sind.

Jedenfalls hat der Wandel des Chefarztimages schon vor meiner Generation begonnen. Und sehr viele Ärzte haben noch andere Interessen als die Medizin. Es gibt auf dem ganzen Globus weltberühmte Ärzteorchester oder Mediziner, die Leistungssport machen. Das „Problem“ an dem Beruf ist, dass er einen auf sehr vielen Ebenen bereits befriedigt: Er ist inhaltlich spannend, bietet Bestätigung, zwischenmenschliche Begegnungen, intellektuelle Herausforderung. Man hat nicht unbedingt das Bedürfnis nach noch mehr Input – der Beruf saugt einen auf gewisse Weise auf.

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Hilft die Musik, schwierige Momente im Berufsalltag zu verarbeiten?

Arpad: Neulich haben Bernd und ich im MRT einen nicht behandelbaren Hirntumor bei einem Kind entdeckt. Dazu ein Elterngespräch zu führen, ist belastend, besonders wenn man mehrere solcher Situationen in der Woche hat. Danach gehe ich aber nicht nach Hause und spiele Saxophon, sondern gehe eher laufen.

Auf der der anderen Seite mache ich die Erfahrung, dass traurige Erlebnisse einen nicht psychisch fertigmachen müssen, wenn man darüber spricht. Es gehört zum Leben, dass man unheilbar krank sein kann. Ich behandele Jugendliche, die akzeptieren, dass sie nicht älter als 20 werden. Die stricken ihr Lebenskonzept ganz anders.

Außerdem bekommt man als Arzt viel positive Rückmeldung. Zum Beispiel ein Dankeschön von jemandem, den man 20 Jahre lang betreut hat. Neulich klopfte ein Patient mit einer geistigen Behinderung an mein Büro und sagte: „Herr Moers, ich bin immer für Sie da!“ Das sind die schönen Momente.

Wie geht es Ihnen damit, Dr. Frericks?

Bernd: Das geht mir genauso. Ich bin zwar mehr diagnostisch und seltener therapeutisch eingebunden, aber ich habe erwachsene onkologische Patienten mit Metastasen in der Leber, die ausdrücklich mit mir sprechen und meine Meinung hören möchten. Dann führe ich auch schwierige Gespräche. Das bringt einem niemand so richtig bei. Und gerade in der Radiologie landen manche Kollegen, weil sie diese Momente vermeiden wollen.

Ich gebe mir große Mühe, es gut zu machen. Ich spreche mit den Patienten so wie ich mit den eigenen Angehörigen reden würde. Wenn ich etwas nicht weiß, gebe ich es zu. Ich verschanze mich nicht hinter Fachwörtern und rede auch nicht so viel, dass die Patienten hinterher gar nicht mehr wissen, was ich gesagt habe. Ich zeige auch Menschen mit schwierigen Diagnosen Perspektiven und Optionen auf und drücke mich nicht vor Empfehlungen, auch wenn das in der Medizin nicht immer einfach ist. Ich nehme die Anspannung eines Menschen ernst, der wochenlang auf seinen Kontrolltermin gewartet hat. Ich wurde sogar schon geküsst, nachdem ich jemandem gesagt hatte, dass er keine Metastasen hat! Diese positiven Momente geben mir Kraft.

Zum Schluss nochmal zurück zur Musik: Was plant die Band „Echte Ärzte“ für 2021?

Arpad: Wir wollen weitere Stücke in dieser mühseligen Form mit den einzelnen Tonspuren aufnehmen, damit wir produktiv bleiben. Ich habe mir „Superstition“ von Stevie Wonder gewünscht.

Bernd: Und ich mir “You can leave your hat on” von Joe Cocker. Wir hoffen, dass das geplante Sommerkonzert am 7. Mai im Lindenpark Potsdam stattfinden kann und das nächste Weihnachtskonzert am 17. Dezember im Huxleys.

Fun Facts über die Band „Echte Ärzte“

  • Die Band hieß früher auch schon „The Cytokines“, „Restless Legs“, „Docs on the Rocks“ und „Dancing Patellas“
  • Einmal hat man die Band extra in die Schweiz einfliegen lassen, um dort bei einem Chirurgenkongress zu spielen
  • Die Bandmitglieder treten auch schon mal in Engelskostümen auf
  • Die Gruppe hat schon 100 Livekonzerte gegeben, vor insgesamt 20.000 Besuchern gespielt und 67.000 Euro Spenden für wohltätige Zwecke eingenommen

Interview: DRK Kliniken Berlin/Maja Schäfer

Maja_Schaefer, am 14. Januar 2021
Hobbys, Unsere Ärzt*innen
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