„Palliativpflege bedeutet nicht nur Händchen halten“: Esra, 33, Palliativschwester

Esra kommt gerade von einem Termin mit ihrem Sohn in der Grundschule, in die er ab Herbst gehen wird. Die zukünftigen Erstklässler haben dort einen spielerischen Lernparcours absolviert, damit sie ihren Voraussetzungen entsprechend in funktionierende Klassengruppen aufgeteilt werden können. Im Interview erzählt Esra, wie sie selbst mitten in der Schulzeit aus der Türkei nach Deutschland kam und was die Besonderheiten der Palliativpflege sind. Vielleicht macht sie Dir Lust, auf unserer neuen Palliativstation in den DRK Kliniken Berlin Mitte zu arbeiten?

Wie bist Du zu Deinem Pflegeberuf gekommen?

Als ich 12 Jahre alt war, hat mein Vater meine Mutter und mich aus der Türkei nach Deutschland geholt. Wir lebten in Halle und ich wurde in der Schule praktisch ohne ein Wort Deutsch zu sprechen ins kalte Wasser geworfen. Ich habe die Sprache zwar schnell gelernt und die zehnte Klasse erfolgreich mit dem erweiterten Realschulabschluss beendet, aber für das Gymnasium und das Medizinstudium, das mich eigentlich interessiert hätte, fehlten mir dann doch zu viele Grundlagen.

Etwas Medizinisches wollte ich aber trotzdem lernen, und so habe ich mich für die Pflegeausbildung entschieden. Mein Examen habe ich in Halle auf einer Lungenkrebsstation gemacht und wollte danach auch bei diesem Krankheitsbild bleiben. Das lag vor allem an meiner sehr pfiffigen Praxisanleiterin, die auch nach vielen Jahren immer noch mit Leib und Seele dabei war. Eine reife Persönlichkeit, obwohl sie noch gar nicht so alt war. Sie hat mir sehr imponiert! Abgesehen davon ist die Chirurgie, das Blut und das Leid dort, nichts für mich. Ich begleite lieber Menschen individuell in einem würdevollen letzten Lebensabschnitt.

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Das machst Du inzwischen im Palliativteam…

Nach der Ausbildung zog ich nach Berlin und bekam sofort einen Job bei den DRK Kliniken Berlin Mitte. Dort hat man mir angeboten, einen Palliative Care Kurs zu machen. Währenddessen wurde ich schwanger und bekam ein Berufsverbot, konnte aber die Weiterbildung noch zu Ende bringen. Während meiner zweijährigen Elternzeit formierte sich in den DRK Kliniken Berlin ein neues Palliativteam und als ich zurückkehrte, wurde mir angeboten, dort einzusteigen.

Da wir aufgrund unserer Lage in Berlin-Wedding viele muslimische und türkisch-kurdische Patient*innen haben, kommt es mir zugute, dass ich Türkisch spreche und übersetzen kann, wenn sie etwas nicht verstehen, zum Beispiel was Symptomkontrolle ist. Das kommt häufig vor und ich mache es gern. Manchmal ist es aber auch schwierig für mich, mich abzugrenzen.

Warum ist das so?

Im Gegensatz zu deutschen Familien, die sofort akzeptieren, wenn ein Arzt etwas sagt, versuchen türkische Familien über alle möglichen Kanäle, an weitere Informationen zu kommen. Ich als türkischstämmige Pflegekraft bin für sie die Insiderin, auf die sie alle Hoffnung setzen. Aber ich darf natürlich aufgrund des Datenschutzes und Patientengeheimnisses keine Informationen rausgeben, und außerdem kann ich bei einem todkranken Patienten auch keine Behandlungstipps aus dem Ärmel zaubern, auf die die Ärzte nicht gekommen wären.

Beim Übersetzen muss ich darum sehr deutlich werden: „Sie haben Lungenkrebs und der ist tödlich. Sie können eine Chemotherapie bekommen, aber die kann ihn nicht heilen. Sie sind unheilbar krank, aber wir können versuchen, etwas mehr Zeit für sie zu gewinnen.“ Ich verstehe natürlich, dass es den Patient*innen und Angehörigen schwerfällt, das zu akzeptieren. Wer weiß wie ich reagieren würde, wenn meine eigenen Eltern krank wären.

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Welche Tipps hast Du für die zukünftigen Mitarbeiter*innen auf unserer neuen Palliativstation?

Man sollte die Patient*innen und Angehörigen akzeptieren wie sie sind. Menschen, die ihren letzten Lebensabschnitt erleben, sind oft wütend und sauer. Sie brauchen diese Phase der Verarbeitung. Palliativpflege bedeutet nicht nur Händchen halten, man braucht auch Geduld und muss was aushalten können.

Menschen zu akzeptieren, wie sie sind, heißt auch, ihre frühere Lebensweise zu verstehen und sie bis zum Ende zu ermöglichen. Wenn jemand rauchen möchte, obwohl er schon Lungenkrebs hat, verurteilen wir ihn nicht, sondern bringen ihn im Rahmen unserer Möglichkeiten im Bett auf eine Zigarette nach draußen. Wenn jemand viel getrunken hat oder sogar Alkoholiker war, mache ich Mundpflege mit Bier, wenn er nicht mehr schlucken oder trinken kann. Wenn das der einzige Genuss ist, den jemand am Ende seines Lebens noch hat, dann soll er ihn bekommen. Bei neuen Patient*innen führen wir darum ein so genanntes Basisassessment durch und fragen nach dem früheren Beruf, Hobbies, Lieblingsspeisen etc.

Was sind für Dich die schwierigsten Momente in der Palliativpflege?

Wenn schwerkranke Patient*innen noch jung sind oder kleine Kinder haben, ist es besonders hart für mich. Oder wenn es von der Erstdiagnose bis zum Tod sehr schnell geht. Manche begleiten wir über Jahre, andere nur drei Monate. Da bleibt manchmal keine Zeit, die Schmerzmedikamente richtig einzustellen, die Diagnose zu verarbeiten oder letzte Wünsche zu erfüllen.

So gut es geht, machen wir es aber möglich. Ich selbst lebe nicht besonders religiös und trage zum Beispiel kein Kopftuch, auch wenn ich an Gott glaube. Aber ich biete den Angehörigen an, den Imam aus der nahegelegenen Moschee für ein letztes Gebet ins Krankenhaus zu holen. Wir ermöglichen ihnen, ihre Rituale durchzuführen. Oft kommen dafür viele Familienangehörige und wir würden sie niemals rausschmeißen oder auf einer Besucherregel „zwei Personen pro Patient“ bestehen.

Wenn ein türkischer Angehöriger auf dem Flur schreit und weint und mit den Armen um sich schlägt, nachdem der Patient verstorben ist, lassen wir ihn in Ruhe. Manchmal muss man sich aber auch um die Angehörigen mehr kümmern als um die Patient*innen, weil sie in ihrem Kummer kollabieren. Für Pflegekräfte, die nicht aus Berlin kommen oder einen deutschen Hintergrund haben, ist das manchmal erschreckend, sie kennen das nicht. Aber wer eine Weile in unserem Krankenhaus mitten im Weddinger Multi Kulti-Kiez gearbeitet hat, lernt, damit umzugehen.

Welche Pläne hast Du für Deine berufliche Zukunft?

Mal sehen. Erstmal werde ich bei der Palliativpflege bleiben. Weitere Kinder möchte ich eigentlich nicht haben, aber wenn es passiert, dann ist es so. Vielleicht mache ich in zehn Jahren auch ein Café auf und verkaufe selbstgemachte Salate und Leckereien 😉 Aber im Moment haben wir genug damit zu tun, die zwei Geschäfte, die mein Mann betreibt, und meinen Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Meine Eltern leben in Halle und die Brüder meines Mannes haben ihre eigenen Familien, daher sind wir auf uns allein gestellt, wenn die Kita mal geschlossen hat. Ich habe kürzlich auf 20 Stunden Teilzeit reduziert, weil es anders nicht mehr ging.

Ich bin kein Sport-Fan, aber ich liebe unseren Schrebergarten. Da bin ich gerne. Oder ich treffe mich mit meinen Freundinnen. Die meisten von ihnen arbeiten nicht, weil sie erst für die Heirat aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und keine Gelegenheit hatten, sich hier ein unabhängiges Leben aufzubauen. Da hatte ich wirklich Glück. Ich war damals das einzige Ausländerkind in Halle und alle haben mich ermuntert und mir geholfen. Ich habe immer noch Kontakt zu meinen alten Klassenkamerad*innen!

Interview: DRK Kliniken Berlin / Maja Schäfer

Maja_Schaefer, am 13. Juni 2023
Mitte, Palliativpflege
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