„Es gab einen riesigen Vertrauensvorschuss“: Sophie, Pflegefachfrau in Ausbildung

Vier Wochen lang dürfen 13 Auszubildende eigenverantwortlich zur Examensvorbereitung die Station 6B der Kinderklinik in den DRK Kliniken Berlin Westend übernehmen. Es ist die erste so genannte „Schulstation“ im pädiatrischen Bereich seit Einführung der generalistischen Pflegeausbildung. Obwohl es im Vorfeld einige Unsicherheiten gab, weil nicht alle die Möglichkeit hatten, vorher längere Einsätze auf der Pädiatrie zu absolvieren, sind die Auszubildenden nach kurzer Zeit ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig unterstützt.

Das Abenteuer Schulstation geht los

Schon in der Vorbereitungszeit haben sich alle gemeinsam Gedanken gemacht, welche Aufgabe zu wem passen könnte und wie man am besten die kleinen Patienten*innen und Eltern über die Schulstation informieren möchte. Es ist schließlich nicht alltäglich, dass die Auszubildenden das alleinige Kommando haben.

Fadi und Nina übernehmen zum Beispiel jeweils zwei Wochen die Aufgaben der Stationsleitung. Zalina, Franziska und einige weitere Auszubildende haben sich als „Mediengruppe“ zusammengeschlossen und ein Vorstellungsboard, einen Informationsflyer und Feedbackbögen für die Eltern ihrer Patienten*innen entwickelt. Dann geht´s auch schon los mit dem Abenteuer Schulstation.

„Mir hat niemand das Leben schwergemacht“

Dass die Verantwortung sehr groß ist, wenn man plötzlich alles allein organisieren muss oder Entscheidungen treffen soll, hat die angehende Pflegefachfrau Zalina schnell mitbekommen. „Ich hatte im Vorfeld schon ein bisschen Angst, dass ich in Situationen komme, wo ich vor einem Kind stehe und das Krankheitsbild nicht kenne, ich mit der zeitlichen Struktur nicht hinkomme oder die Eltern nicht wollen, dass ich als Auszubildende ihr Kind versorge“, erzählt Zalina. „Manchmal war das auch so, dass ich nicht weiterwusste, da die Krankheitsbilder auf dieser Station sehr breit gefächert sind.“

In solchen Momenten helfen dann die erfahrenen Pflegekräfte oder die Zentralen Praxisanleiter*innen weiter, die genau für diese Fälle mit vor Ort sind. Die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Pflegekräften war für beide Seiten am Anfang ein wenig komisch und ungewohnt. Die üblichen Rollen und Aufgabengebiete für Examinierte und Auszubildende sind in den Köpfen verankert und es fällt schwer, sie loszulassen.

„Ich hatte schon Hemmungen und habe die erste Zeit ständig gefragt oder mich rückversichert, wenn ich etwas machen wollte“, erinnert sich Zalina. „Die Pflegekräfte haben mich aber immer bestärkt, allein zu entscheiden.“ Der Austausch und die Zusammenarbeit mit den kleinen Patienten*innen und deren Eltern ist für alle sehr positiv. „Die Eltern und Kinder waren immer sehr lieb zu mir und haben sich vor allem darüber gefreut, dass wir mehr Zeit für sie hatten als im üblichen Stationsalltag mit weniger Pflegekräften.“ Man merkt Zalina an, wie stolz sie auf ihre eigene Leistung ist.

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Respekt haben alle

Auch für unsere Zentralen Praxisanleiterinnen (ZPA) Katja und Rike ist es die erste Schulstation speziell in der Pädiatrie. Mit großem vorherigem Respekt sind die zwei gemeinsam mit unseren erfahrenen Pflegekräften in das vierwöchige Abenteuer gestartet. „Manchen Kollegen*innen fiel es anfangs nicht leicht, die Auszubildenden laufen zu lassen und Verantwortung abzugeben. Natürlich ist niemand unbeaufsichtigt, aber wir lassen hier mehr organisatorische Fehler zu, aus denen unsere zukünftigen Pflegekräfte viel lernen können. Denn die Organisation ist herausfordernd: Wie plane und gestalte ich den Tag? Wo liegen die Prioritäten? Welcher Ablauf ist sinnvoll? Auch mir selbst fiel es super schwer, nicht immer sofort einzugreifen“, gibt Katja zu.

Durch die neue generalistische Ausbildung, die Kinderkranken-, Kranken- und Altenpflege zusammenfasst, werden pädiatrische Themen nicht mehr ganz so umfänglich gelehrt wie früher bei der spezialisierten Ausbildung zum*zur Kinderkrankenpfleger*in. In den Kinderkliniken Deutschlands gibt es daher nun individuelle Onboarding-Konzepte und eine längere Einarbeitungszeit für neue Pflegekräfte. Unsere Auszubildenden, die in der Schulstation vier Wochen in der Pädiatrie im Einsatz sind, haben anderen Auszubildenden gegenüber tatsächlich nun einen riesigen Vorteil, weil sie sich intensiver mit der Kinderkrankenpflege auseinandergesetzt haben. Bereits nach der ersten Woche waren dann auch schon alle Vorurteile ausgeräumt und alle Teilnehmenden haben erkannt, wie gut die Zusammenarbeit mit den Auszubildenden funktioniert.

Nicht nur die Auszubildenden haben was gelernt

Unsere Zentrale Praxisanleiterin Rike konnte für sich persönlich viel mitnehmen: „Ich habe durch die Auszubildenden nochmal eine Diabetesauffrischung erhalten. Was ich damals in der Ausbildung dazu gelernt habe, ist mittlerweile nicht mehr ganz aktuell. Zum einen haben sich die Vorgaben und Standards verändert, zum anderen arbeite ich in der Thematik nicht täglich. Durch das Diabeteszentrum oder die Neuropädiatrie gibt es sehr spezielle Krankheitsbilder, die man in der theoretischen Ausbildung nicht unbedingt lernt, sondern mit denen man erst hier im Arbeitskontext in Berührung kommt. Unsere Auszubildenden wurden super in verschiedensten Krankheitsbildern geschult und haben ein breit gefächertes Wissen.“

Einige Auszubildende haben nach den eigentlichen Diensten und Schultagen in Vorbereitung auf die pädiatrische Station noch eigenständig weiter recherchiert und gelernt – das hat Rike sehr beeindruckt: „Ich kann viele Erlebnisse der letzten Wochen für zukünftige Anleitungen nutzen.“ Nicht nur die Zentralen Praxisanleiterinnen sind sich einig, durch die Auszubildenden wieder mehr Motivation, Elan und Begeisterungsfähigkeit bekommen zu haben. Alles Dinge, die über die Jahre ein wenig verloren gehen. Der Spaß am Beruf der Pflegekraft ist wieder in ein anderes Bewusstsein gerückt. Spannend zu beobachten war auch die stetig anhaltende Leistungs- und die wachsende Selbstbewusstseinskurve der Auszubildendengruppe. Bei vielen Kursen gibt es während der Schulstation auch mal Tiefpunkte, die zum Beispiel durch falsche Erwartungen oder Differenzen innerhalb der Gruppe entstehen. Bei diesem Kurs konnte man durchweg einen wertschätzenden Umgang und eine tolle Kommunikation untereinander beobachten.

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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist auch da

Einige Auszubildende sind ganz erwartungsfrei in die vier Wochen Schulstation gestartet und konnten sich gar nicht recht vorstellen, wirklich alles alleine entscheiden und Aufgaben delegieren zu dürfen. Sophie kommt gerade mit einem Lächeln aus dem Zimmer eines kleinen Patienten. „Ich musste viel darüber nachdenken, welche Folgen meine Entscheidung haben wird – nehme ich zwei oder drei Einheiten Insulin. Wenn ich die drei Einheiten nehme, habe ich vielleicht die Gefahr der Unterzuckerung. Bisher haben wir alle meistens die richtigen Entscheidungen getroffen und im Notfall stand jemand zur Seite.“

Schwer fiel ihr, erfahrene Kollegen*innen mit einer Aufgabe loszuschicken, das kostet schon einiges an Überwindung! „Auch wenn es einen riesigen Vertrauensvorschuss gab, habe ich diese Überwindung auch auf der anderen Seite gespürt“, sagt Sophie. „Einige erfahrene Pflegekräfte haben mehr, die anderen weniger auffällig kontrolliert. Man musste sich schon daran gewöhnen, immer einen Schatten hinter sich zu haben. Das waren mal Lehrer*innen aus der Schule, mal die Praxisanleiter*innen oder Pflegekräfte. Das unauffällige Kontrollieren, im besten Fall mit einem positiven Feedback am Ende, war mir viel lieber.“ 😉

Die Auszubildenden haben erfahren, dass kein Tag gleich ist und Behandlungen oder längere Wege, zum Beispiel zum MRT, mehr Zeit in Anspruch nehmen als gedacht. Gerade mit Kindern kann nicht lehrbuchmäßig geplant werden. Sie sind wach, wann sie wollen, und haben auch Hunger zu Zeiten, die nicht üblich sind. Darauf muss man sich einstellen.

„Ich möchte lieber in der Geriatrie arbeiten“

Auch Sophie fiel das am Anfang schwer: „Die ersten Tage mussten wir uns gegenseitig an unsere Pausen erinnern, weil wir vor lauter Agieren vergessen haben zu essen und zu trinken. Insgesamt klappt aber alles erstaunlich gut. Ich habe für mich allerdings gemerkt, dass ich später nicht in einer pädiatrischen Station arbeiten möchte. Hier gibt es viele schwer kranke Kinder, teilweise mit Krankheiten, von denen man weiß, dass sie mit ihnen nie ein normales Leben führen können. Wir hatten zum Beispiel auch ein drei Monate altes Baby mit Krämpfen hier, wo nicht abzuschätzen ist, was diese Krämpfe hinterlassen. Das ist emotional sehr herausfordernd für mich. Ich habe häufig zuhause überlegt, ob ich wichtige Dinge bei der Übergabe an meine Kollegen*innen kommuniziert habe und war kurz davor zum Telefon zu greifen, um auf der Station anzurufen – die Sorgen um diese Kinder oder das Hineinversetzen in die Eltern, ist schon manchmal heftig.“

Sophie hat sich entschlossen, nach ihrer Ausbildung in der geriatrischen Station zu arbeiten. Auch dort gibt es manchmal schwere Fälle, aber die Menschen haben ein langes, erfülltes Leben hinter sich. Auf jeden Fall möchte sie im Unternehmen bleiben. „Hier habe ich vor meiner Ausbildung schon das Freiwillige Soziale Jahr absolviert und habe jetzt für die Geriatrie bereits meinen Arbeitsvertrag unterschrieben. Vielleicht wechsle ich dann später nochmal in den Springerpool, da ich ehrenamtlich einen Jugendverband leite und flexibel mit meinen Arbeitszeiten sein möchte.“ Und schon läuft Sophie wieder los, das Stationstelefon klingelt nämlich gerade. 😉

Text: DRK Kliniken Berlin / Aline Creifelds

Maja_Schaefer, am 18. Oktober 2023
Ausbildung, Pädiatrie, Westend
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